Ich fuhr letztens als Beifahrerin im Auto auf einer 4spurigen Straße durch Augsburg. Es war ein sonniger Frühlingsabend und die ersten Sträucher blühten herrlich. Die Straße war 4spurig mit echt viel Verkehrsaufkommen. Also ein Ort, an dem es laut, nicht sonderlich hübsch und vorallem stickig von den ganzen Abgasen der sehr langsam fahrenden Autos auf der vollen 4spurigen Straße war. Ich konnte eine Frau beobachten, wie sie ein Selfi machte. Ich konnte das ausführlich beobachten, weil ich ja Teil des Staus auf der 4spurigen Straße war. Die Frau stellte sich vor einen der blühenden weißen Büsche mit lauschiger Abendsonne und hat das in aller Welt identische Selfi-Grinsen im Gesicht und machte, mit Sicherheit ein in zauberhaft getauchtes Licht vor frühlingshaftem Hintergrund, ein Selfi… auf dem Gehweg an der 4spurigen Straße mit PKW-Stau…

Ich bin mir absolut sicher, dass es wirklich ein ganz wundervolles und ansprechendes Selfi wurde und vermutlich den Untertitel trug: „Ich genieße die ersten Sonnenstrahlen im Frühling mitten in der Fülle der Natur!“

Vor kurzem konnte ich eine vergleibare Szene beobachten im zähfließendem Verkehr auf der Salzburger Autobahn, als zwei weibliche Teenager die selbe Aktion auf einer Wiese im Abendlicht direkt neben der Autobahn (!) zelbrierten.

Auf den Bildern war auch hier vermutlich nicht zu erkennen, wie das gesamte Bild aussah und dass die transportierte Botschaft letzlich nur eine Illusion war. Ich glaube, man nennt das neudeutsch „framing“, was soviel bedeutet, dass man nur einen Ausschnitt aus dem Ganzen sieht. Dieser Ausschnitt aus einem Ganzen transportiert eine völlig andere Botschaft, als wenn man das gesamte Bild sehen könnte.

Bitte nicht missverstehen! Selbstverständlich ist die gute Laune und die Freude sicherlich echt und darum geht es mir auch gar nicht.

Es geht mir darum, dass wir selbst inzwischen ganz bewusst Illusionen über uns und unser Leben erstellen, diese selbstgemachte Illusion auch noch beginnen zu glauben, weil wir sie als „DAS da bin ich wirklich“ nach außen geben und beständig aufrecht erhalten. Schließlich legen wir ja neu erschaffene Illusionen immer wieder nach.

Mit dem Erschaffen und Teilen von bewusst erstellter Illusionen über uns selbst berauben wir uns selbst das eigene SELBSTBEWUSSTSEIN.

Die Folge davon scheint mir zu sein, dass wir uns mehr und mehr von unserem tatsächlichen SEIN entfernen. Und die Folge davon ist, dass sich in uns eine zunehmende Krätsche aufmacht, die uns einsam werden lässt. Innerlich einsam, denn der Schein im Außen samt der darauf von oftmals Fremden gegebenen Zustimmung oder gar offenen Ablehnung, wird zum Gradmesser unseres Wohlbefindens. Das Außen und die Unbekannten werden zum Schöpfer über das  eigene Selbstbewusst, das längst zu einem „Nicht-Selbstbewusstsein“ geworden ist.

Wie traurig, welche Themen unsere so „hochentwickelte“ Spezies sich beständig neu kreiert und sich damit weg vom SEIN und hin zum SCHEIN entwickelt. Nein, nicht traurig… GRUSELIG!

Herzlich Willkommen in der Freiheit, das selbstbewusste SEIN zu kreieren!

Nikola Knecht

Bildquelle: PixaBay